„Talent wird völlig überschätzt – im Grunde braucht man es gar nicht, das meiste lässt sich durch konsequentes Training erarbeiten.“
Cedric Köhnke ist aktuell die schnellste Konstante im deutschen Rennrutschen: dreifacher Deutscher Meister bei den schweren Herren und Teil einer echten Rutsch-Familie – sein Vater Andreas Köhnke zählt zu den erfolgreichsten Athleten der Verbandsgeschichte, sein jüngerer Bruder ist amtierender Vizemeister bei den leichten Herren. Im Kabinengeflüster erzählt er, warum Talent überschätzt wird, was bei über 30 km/h wirklich durch den Kopf geht – und wie er 2025 trotz eines Bänderrisses seinen dritten Titel verteidigte.
DRVCedric, du bist mittlerweile dreifacher Deutscher Meister – hättest du dir das bei deinen ersten Wettkämpfen jemals vorstellen können?
Da mein Vater diesen Sport schon seit Jahrzehnten ausübt, bin ich praktisch im Rennrutschen großgeworden. Lustigerweise hatte ich als Kind enorme Angst vor engen Räumen und habe mich bis zu meinem zehnten Lebensjahr nicht einmal auf eine Rutsche getraut. Als ich dann mit zehn Jahren mein Debüt bei der Deutschen Meisterschaft im Wettrutschen gab, verschwendete ich noch keinen Gedanken an große Titel. Das änderte sich 2017: Mein Vater und ich beschlossen, fast jeden Wettkampf der Saison mitzunehmen. In diesem Jahr begann ich davon zu träumen, in seine Fußstapfen zu treten – und noch im selben Dezember konnte ich in der Therme Erding meinen ersten Deutschen Meistertitel in der Kinderwertung feiern.
DRVWas fasziniert dich nach all den Jahren immer noch am Renn- und Wettrutschen?
Für mich ist das Rennrutschen vor allem ein echtes Familiending. Mein Vater hat den Weg vorbereitet, mein kleiner Bruder ist amtierender Deutscher Vizemeister bei den leichten Herren und ich darf mich Deutscher Meister bei den schweren Herren nennen. Auch meine Schwester war bereits bei den Kindern Deutsche Meisterin. Wir reisen als Familie gemeinsam durch ganz Deutschland, unterstützen uns und feiern zusammen Erfolge – das schweißt extrem zusammen. Darüber hinaus fasziniert mich die Dynamik hinter dem Sport: Man kommt unheimlich viel herum, lernt viele Orte kennen und bewegt sich in einer ganz besonderen Community. Da Rennrutschen eine Nischensportart ist, hat es seinen ganz eigenen Reiz – es ist etwas Außergewöhnliches, das nicht jeder auf dem Schirm hat, aber jeden begeistert, der es zum ersten Mal sieht.
DRVWas macht einen wirklich guten Rutscher aus – Technik, Kraft, Körperbau oder Talent?
Talent wird völlig überschätzt – im Grunde braucht man es gar nicht, denn das meiste lässt sich durch konsequentes Training erarbeiten. Am Ende macht die Kombination aus Technik und relativer Kraft den Unterschied, also wie viel Kraft man im Verhältnis zum eigenen Körpergewicht aufbringen kann. Historisch gesehen waren meist große, schwere Männer im Vorteil. Mittlerweile gibt es aber einen Umschwung, weil auch kleinere und leichtere Rutscher ihre spezifischen Stärken voll ausspielen können. Der Schlüssel liegt nämlich am Start: Je schneller man in die Röhre explodiert, desto mehr Tempo nimmt man mit. Genau das ist meine größte Stärke. Ich besitze für mein Körpergewicht extrem viel Kraft und kann am Start blitzschnell beschleunigen. In der Röhre entscheidet dann die richtige Technik. Die bekannteste ist die Drei-Punkt-Technik: Die Beine werden gekreuzt, die Arme verschränkt und der Hintern angehoben, damit man nur auf den Fersen und den Schulterblättern gleitet und so wenig Reibung wie möglich erzeugt.
DRVWas geht dir bei über 30 km/h durch den Kopf?
Tatsächlich geht mir deutlich weniger durch den Kopf, als man vermuten würde. Bei über 30 km/h blendet das Gehirn fast alles aus der Umgebung aus. Auf besonders intensiven Strecken nimmt man teilweise gar nichts mehr wahr. Es gibt Rutschen – wie in der Ostsee Therme –, die ich schon hunderte Male gerutscht bin, und trotzdem könnte ich bei manchen Abschnitten nicht einmal beschreiben, wie sie genau aussehen. Das Tempo und die Fliehkräfte sind einfach zu extrem. Deshalb ist die Vorbereitung im Kopf alles: Wir lernen die Streckenverläufe vor dem Wettkampf mithilfe von Videos auswendig, um genau zu wissen, was als Nächstes kommt und sich auf die Kurven einzustellen. Während des Rutschens läuft dann nur noch ein ständiger innerer Monolog: „Spannung halten, Spannung halten, Spannung halten, bloß nicht absetzen!“
DRVWie bereitest du dich auf einen Wettkampf vor, und was darf für dich unmittelbar vor dem Start auf keinen Fall fehlen?
Wie eben schon erwähnt, ist die Streckenanalyse extrem wichtig. Wir schauen uns die Verläufe so lange an, bis wir sie im Schlaf auswendig beherrschen. Der Rest der Vorbereitung besteht aus hartem körperlichem Training – im Idealfall direkt auf der Wettkampfrutsche. Wenn ein großes Event wie die Deutsche Meisterschaft ansteht, merke ich sofort, wie meine Check-Ins im Fitnessstudio steil nach oben gehen. Am Wettkampftag selbst zählt vor allem, topfit und komplett ausgeruht zu sein. Unmittelbar vor dem Start darf für mich der mentale Rückhalt meiner Familie auf keinen Fall fehlen: Mein Vater, mein Bruder und ich pushen und beruhigen uns gegenseitig. Dieser familiäre Rückhalt bringt die mentale Stärke, die ich kurz vor dem Ampelsignal brauche.
DRVDu hast 2025 trotz eines noch nicht vollständig ausgeheilten Bänderrisses deinen dritten Titel geholt. Wie groß war der Druck, trotzdem anzutreten?
Ich hatte mir ein halbes Jahr zuvor das Außenband und das Syndesmoseband im linken Fuß gerissen. Das Schlimme daran war, dass ausgerechnet mein linker Fuß mein Rutschfuß beim Rutschen ist. Ich musste gezwungenermaßen auf die rechte Hacke ausweichen – das fühlte sich an, als müsste ein Profifußballer den entscheidenden Elfmeter mit dem schwachen Fuß schießen. Zwei Monate vor der Deutschen Meisterschaft fühlte sich der Fuß eigentlich wieder gut an, doch nach einem einzigen Training in der Ostsee Therme war er direkt wieder hinüber. Am Wettkampftag bin ich dann mit einer festen Bandage angetreten. Am Anfang ging es noch einigermaßen, aber im ersten Finaldurchgang passierte das Unglück: Ich blieb mit dem verletzten Fuß an einer speziell für den Wettkampf montierten Kamera hängen, habe sie komplett abgerissen und den Fuß erneut extrem beschädigt. Mein Kumpel musste mich danach den Rutschenturm schon fast hochtragen. Dass ich meinen Titel trotzdem knapp verteidigen konnte, lag letztlich an meinem extrem schnellen ersten Lauf, der mir den entscheidenden Vorsprung verschaffte.
DRVBei euch ist das Rutschen inzwischen Familiensport. Wer ist bei Köhnkes eigentlich der beste Rutscher?
Das ist extrem schwer zu sagen, weil es darauf ankommt, wie man „der Beste“ definiert. Momentan bin ich der Schnellere von uns beiden und habe in den letzten Jahren mehr der ganz großen Titel wie die Deutsche Meisterschaft geholt. Aber auf die gesamte Karriere gesehen ist mein Vater Andreas Köhnke der wahrscheinlich erfolgreichste Rennrutsch-Athlet aller Zeiten. Er ist seit dem allerersten Wettkampf überhaupt dabei, hat absolut jeden Titel gewonnen, den man gewinnen kann, und hält mit riesigem Abstand die meisten Bahnrekorde – und es kommen immer noch neue hinzu. Dass er in seinem Alter immer noch auf diesem Niveau mitrutscht, ist unfassbar. Das ist ungefähr so, als würde ein Mitten-40-Jähriger im Fußball immer noch um den Ballon d'Or mitspielen. Während viele ab 40 über Gelenkschmerzen klagen, erlebt mein Vater erst jetzt mit Mitte 50 seine absolute Prime. Der Sport hat sich extrem weiterentwickelt, die Techniken wurden ausgefeilter und das Feld viel schneller. Mein Vater ist der Einzige der alten Garde, der Schritt gehalten hat, während alle anderen irgendwann aufgeben mussten. Ich bin aktuell zwar schneller, aber ich muss erst einmal beweisen, dass ich diese Leistung ebenfalls über Jahrzehnte hinweg abrufen kann.
DRVIst dein Vater Andreas für dich eher Trainingspartner, Konkurrent oder beides?
Mein Vater gehört zwar zu den ganz wenigen, die mich schlagen können, aber er ist für mich auf gar keinen Fall ein Konkurrent. Genau wie bei meinem Bruder Lenius Köhnke gilt: Ein Sieg von ihm fühlt sich für mich genauso gut an wie ein eigener Erfolg. Wir sind ein Team und pushen uns gegenseitig – im Grunde hat man dadurch einfach jedes Mal die doppelte Gewinnchance!
DRVWas ist dir wichtiger: Deutscher Meister zu sein oder einen Bahnrekord zu halten?
Der Titel als Deutscher Meister steht natürlich weit über einem einzelnen Bahnrekord – das lässt sich gar nicht vergleichen. Bei kleineren Wettkämpfen wie etwa einer Stadtmeisterschaft dreht sich das Ganze allerdings komplett: Da ist mir der Bahnrekord definitiv wichtiger. An den Sieger eines kleineren Turniers erinnert sich im nächsten Jahr kaum noch jemand, an den Bahnrekord hingegen schon. Wenn wir weite Strecken auf uns nehmen, um an solchen Wettkämpfen teilzunehmen, geht es im Grunde nur um diese Bestzeit. Ob man am Ende Erster oder Zweiter wird, ist zweitrangig – solange man den Bahnrekord mit nach Hause nimmt.
DRVWelchen deiner bisherigen Bahnrekorde würdest du am liebsten noch einmal verbessern?
Ganz klar den Rekord auf meiner absoluten Lieblingsrutsche: der „Green Mamba“ in der Ostsee Therme, wo auch jedes Jahr die Deutsche Meisterschaft ausgetragen wird. Es wäre mein absoluter Traum, dort irgendwann eine Zeit hinzulegen, die für die Ewigkeit steht und nie wieder gebrochen werden kann. Bei meinen anderen Rekorden bin ich da recht entspannt: Wie gut die Zeit am Ende auf dem Papier steht, ist mir fast egal – Hauptsache, sie reicht aus, damit mich niemand vom Thron stößt.
